Freitag, 22. Januar 2010

Promenade


Eiskalt und laut zieht der Wind vorbei an den mühsam umschlungenen Gliedmaßen. Erbarmungslos kriecht er in jede Ritze, die die starren Hände nicht verdecken können. Das ist der Winter, den ich nicht mag, den ich jedes Jahr aufs neue fürchte.
Eben kämpfte ich noch mit dem Zipfel des Schals der sich selbstgefällig vom Hals wickelte, da merke ich auch schon, wie es an den Nieren beachtlich zieht! Ich überlege kurz, ob ich mir das Unterhemd vor aller Augen umständlich zurück in die Hose quetschen soll. Allein die Tatsache, dass jemand mein altes Unterhemd sehen könnte, schreckt mich nicht, viel mehr ist es die Vorstellung, meine wollweiße Angoraunterhose könne dabei unfreiwillig zur Schau gestellt werden. Jedoch, wer sich einmal den eisigen Winden der Nordsee hingegeben hat, der weiß eine lange Unterhose durchaus zu schätzen.
Wie auch immer, hartgesottene Touristen stampfen der Kälte trotzend die Deiche entlang, den Blick starr auf die See gerichtet, als warteten sie auf eine Antwort aus der Weite des Horizonts. Das Wasser liegt ruhig, kaum Wellengang, die Möwen wirken langsam und starr. Ob sie die Kälte in gleichem Maße spüren? Nur selten werden sie aufgescheucht und wechseln ihre Versammlungsorte. Ich muss an Hitchcock denken. Mir wird noch kälter. Die hell strahlende Sonne wirkt fast ein wenig hämisch am Himmel, so taucht sie doch die Strandpromenade in ein fast surreales Licht. Das Grün auf den mit Rasen bepflanzten Deichen wirkt tatsächlich wie eingefroren, wie dem Sommer entnommen und tiefgekühlt, nur um in seiner Farbe den Strandläufer zu erfreuen, ihn zu täuschen, ihn zu besänftigen.


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